Aug 10
Dr. Grene steht vor einer schwierigen Aufgabe: Seine psychiatrische Klinik muss wegen akuter Altersschwäche abgerissen werden und er soll mit einem Großteil seiner Patienten in einen Neubau umziehen. Da aus Platzgründen nicht alle Patienten mitkommen können, muss er nun entscheiden, wer in der psychiatrischen Obhut bleiben darf und wer in die Freiheit entlassen werden kann.

Eine Frau, über deren Zukunft er entscheiden muss, ist die vermutlich 100-Jährige Roseanne – deren genaues Alter niemand weiß, weil es keine Geburtsurkunde gibt und über die nur sehr lückenhafte Aufzeichnungen vorhanden sind. Dr. Grene weiß nicht einmal, unter welchen Umständen und aus welchen Gründen Roseanne ursprünglich in die Nervenklinik eingewiesen wurde und Roseanne selbst möchte sich nicht wirklich dazu äußern…

Sebastian Barry erzählt diese Geschichte im Roman „Ein verborgenes Leben“ in tagebuchartigen Aufzeichnungen: Einmal folgt der Leser dem Arzt, ein anderes Mal folgt er Roseannes Selbstzeugnis. Sehr interessant ist es zu erfahren, wie Roseanne ihre Kindheit und Jugend schildert und dann bei dem Doktor zu lesen, dass es da aber eine eidesstattliche Erklärung gibt, die von den geheimen Selbstauskünften der alten Dame ziemlich abweicht….

Zuerst habe ich befürchtet, „Das verborgene Leben“ von Sebastian Barry wäre den „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ ähnlich – einem Buch, über das ich während meines Germanistikstudiums eine Seminararbeit geschrieben hatte… und während der ich immer wieder Pause machte, um von der überwältigenden Paranoia nicht versehentlich noch angesteckt zu werden. Zum Glück ist „Das verborgene Leben“ anders.

Irgendwie fühlt es sich wie Pflichtlektüre an, allerdings: Pflichtlektüre, die man gerne liest, weil sie bedeutend, literarisch und einwenig zeitlos erscheint.

„Das verborgene Leben“ ist nicht packend spannend in der Art, wie es Thriller oder Kriminalromane sind. Vielmehr reizt es einfach beständig das Interesse des Lesers, die Neugierde treibt zum weiterlesen. Einwenig ist es, als würden Leser und Erzähler an einem späten Abend gemeinsam in einer kargen Küche sitzen… während die Erzähler gedankenverloren ihre Geschichte berichten, lauscht der Leser nur, mucksmäuschenstill, denn er möchte nicht stören, damit der Erzählfluss bloß nicht versiegt.





Geschrieben von Bonny

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2 Kommentare

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  1. Melli meint:

    Hallo Bonny,

    schöne Rezi und sie spiegelt das wieder, was ich auch bereits nach 100 Seiten so empfunden habe. Denn eigentlich wollt ich es nur anlesen, konnte dann aber doch nicht nach zwanzig Seiten einfach aufhören. Ich bin mir sicher, ich les es bald zu Ende.

    LG
    Melli

  2. Bonny meint:

    Hallo Melli,

    ich musste bei den ersten Seiten noch etwas kämpfen - so ganz auf der Stelle hat mich das Buch nicht gepackt, aber nach etwa 10 Seiten war meine Neugierde auf alle Fälle geweckt.

    Gut, dass ich bei dir auf das Buch gestossen bin :-)

    Wünsche dir noch ganz viel Lesespaß bei den "letzten" Seiten.

    LG
    Bonny

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